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Ei­ne Kri­tik der po­li­ti­schen Öko­no­mie der Co­ro­na­kri­se

Corona

14. November 2020 15:00

Ida Gaede Ida Gaede
Im Rahmen der Ringvorlesung „Die Politische Ökonomie der Corona-Krise“ hat es die Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung externen Studierenden ermöglicht, Prüfungen in Essayform abzulegen. Eine Auswahl der besten Arbeiten veröffentlichen wir über einen Monat hinweg nach Absprache und einem Redaktionsprozess mit den Autor*innen auf unserem hochschuleigenen Corona-Blog. Der nun folgende zweite Beitrag zu der Reihe stammt von Ida Gaede, die einen Marx’schen Blick auf verschiedene Aspekte der Coronakrise wagt.
Ida Gaede studiert Soziologie an der Sorbonne in Paris. Vor dem strengen Lockdown à la française konnte sie noch nach Deutschland fliehen. Während der Coronazeit hat sie beschlossen, das Kapital von Marx zu lesen.

Einleitung

Es ist nicht überraschend, dass in Krisenzeiten große rhetorische Geschütze aufgefahren werden. Man liest in jeder Zeitung, dass genau jetzt (!) sich alles ändern werde, Corona habe uns zur Kooperation gebracht, es werde einen Paradigmenwechsel geben. Nette Utopien werden fleißig getippt, man liest sie in einer kurzen Pause im Homeoffice, lächelt und setzt sich wieder an den Computer. Die Gesundheitskrise bringt die ökonomische Krise. Es wird ein Systemwechsel gefordert, aber wenn dann die Wirtschaft zusammenbricht, sind sich doch alle einig: wir bräuchten neues Wirtschaftswachstum. Es ist zwar schön, sich eine neue Welt auszudenken, die durch ein bisschen Klatschen für die Pflegerin und ein, zwei Zeitungsartikel herbeigezaubert wird, aber wenn man sich für tatsächliche Veränderungen interessiert, sollte man sich mit der ökonomischen Realität auseinandersetzen und diese beruht in der heutigen Welt auf Wirtschaftswachstum. Deswegen führt meiner Meinung nach, wenn sich an den Herausforderungen Grundlegendes ändern soll, kein Weg daran vorbei, dieses unter die Lupe zu nehmen. Und wer ist da ein besserer Begleiter als Marx?

Gespenst und Wirklichkeit - Karl Marx

Ein Gespenst geht um in der Ökonomie, das Gespenst des Karl Marx. Man kann nicht über den Kapitalismus reden, ohne diesen Denker zu erwähnen, aber es bleibt meistens bei der einleitenden Anekdote. Marx habe zwar etwas zu sagen gehabt, irgendwann, irgendwem - aber die Zeiten hätten sich geändert, die Gesellschaft und die Ökonomie eben auch. Was von Marx bleibt, ist nur das Gespenst oder eine einsame Folie auf einer VWL-Vorlesung über die Geschichte der Wirtschaftswissenschaften. Thomas Piketty zum Beispiel traut sich zu, an Marx‘ Werk - zumindest wird dies durch seinen Titel „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ suggeriert - anzuknüpfen, widmet dann aber nur fünf von 793 Seiten dem marxschen Werk und auf den restlichen 788 folgt eine Analyse, zu der Marx vermutlich wieder sagen würde „dann bin ich kein Marxist“[1].

Wer ist Marx? Oft reicht es, eine kleine Bemerkung zu Stalin zu machen und die Frage gilt als erledigt. Andere werfen ihm vor, ein verrückter Utopist gewesen zu sein, der sich schöne Welten ausdenkt, und vergessen dabei, dass Marx’ Werk vor allem eine umfassende Kapitalismusanalyse und -kritik vorlegt. Marx selbst richtete den Utopisten-Vorwurf an all jene, die sich in seinen Augen nicht intensiv genug mit der aktuellen Gesellschaft auseinandersetzen und deren Utopien nur eine Transformation, aber keine Abschaffung der bestehenden Verhältnisse bedeuteten[2].

Karl Marx wird oft die Aktualität seiner Theorie mit Verweis auf ihr Erscheinungsdatum abgesprochen. Die Welt wäre (vielleicht) mal so gewesen, wie im Kapital beschrieben, aber vieles hätte sich eben geändert. So einfach ist es aber nicht. Sein Anspruch an Das Kapital war es, den „idealen Durchschnitt“[3] der kapitalistischen Produktionsweise zu beschreiben, also grundlegende Strukturen und Entwicklungen zu analysieren, unabhängig von historischen oder geographischen Erscheinungen. Wie ich im Folgenden zeigen werde z.B. bezüglich des Fetischcharakters der Ware, ist Marx eben dies gelungen: Marx zeigt uns auch heute noch, auf welchen ökonomischen Strukturen diese Gesellschaft fußt und was ihre grundlegenden Entwicklungen sind. Auch wenn Soziolog*innen mitunter dazu neigen, uns zu erklären, warum jetzt alles anders ist als vor 10 Jahren (siehe etwa Die Risikogesellschaft von Ulrich Beck), kann man - wenn man unsere Gesellschaft über einen längeren Zeitraum betrachtet - erkennen, dass die grundlegenden Strukturen unserer Gesellschaft gleich und zwar kapitalistisch geblieben sind.

Anstatt Marx von vornherein abzulehnen oder ihn als alles erklärendes unfehlbares Genie zu bewundern, halte ich für angemessen, zu untersuchen, in wie fern uns seine Texte heute etwas zu sagen haben. In diesem Essay möchte ich zeigen, dass Marx uns in Teilen seines Denkens eine große Hilfe sein kann, die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und insbesondere heutige Krisen wie die Coronakrise zu verstehen.

Fetischcharakter von Ware, Wert und Geld

Einer der wichtigsten Aspekte der Marx’schen Theorie scheint mir der Warenfetischismus zu sein. Mit Waren- und Geldfetischismus bezeichnet Marx nicht, dass wir Menschen dem Konsum und dem Geld nicht widerstehen können. Es geht vielmehr darum, dass es uns als naturgegebene (und eben nicht als historische) Eigenschaften unserer Arbeitsprodukte erscheint, dass sie Warenform angenommen und einen Wert haben. Dies werde ich, zumindest schematisch, in einer Kurzfassung erklären:

In der kapitalistischen Produktionsweise produzieren Privatpersonen arbeitsteilig Waren und tauschen diese. Eine Ware ist ein zum Tausch produziertes Gut, welches einen Gebrauchswert hat (eine Hose hält mich warm) und einen Tauschwert (ich kann eine Hose gegen 10 Euro beim Flohmarkt tauschen bzw. verkaufen). Den Gebrauchswert hat ein Gut immer, egal in welcher Gesellschaftsform (im Kommunismus wie auch im Feudalismus hält mich eine Hose warm). Wert und Ware sind allerdings spezifisch kapitalistische Kategorien und Formen, andere Gesellschaften beruhten auf Abgaben an Herrschende oder Sklaverei, nicht auf Tausch. Von Marx können wir lernen, dass wir einem Warenfetisch unterliegen. Mit Fetischismen bezeichnete man im 19. Jahrhundert selbstgeschaffene, materielle Gegenstände „primitiver“ Gesellschaften, denen sie göttliche Fähigkeiten zusprachen, welchen sie sich unterwarfen. Indem Marx der bürgerlichen Gesellschaft vorwirft, selbst einem Fetischismus zu unterliegen, wollte er ihr, die sich besagten „primitiven“ Gesellschaften überlegen fühlte, polemisch zeigen, dass sie eben nicht so viel aufgeklärter sind als diese Völker.

Die Bedeutung des Fetischbegriffs geht aber über diese Polemik hinaus und hat eine, wie mir scheint, zentrale Rolle in der marxschen Theorie: Im Kapitalismus gibt es Waren, die Werte haben und getauscht werden, in anderen Gesellschaftsformen drückte sich der Reichtum anders aus. Sobald Arbeitsprodukte diese Warenform annehmen, verschleiern sich aber die gesellschaftlichen Verhältnisse: im Feudalismus ist den Arbeiter*innen sehr wohl bewusst, wenn sie für ihren Herren arbeiten. Im Kapitalismus allerdings sind sie nicht einem persönlichen Herrschaftsverhältnis unterworfen, sondern einer - wie Marx es nennt - sachlichen Abhängigkeit. Marx bestreitet keineswegs asymmetrische Beziehungen zwischen Arbeiter*innen und Kapitalist*innen[4], aber die Arbeiter*innen gehören nicht den Kapitalist*innen und haben die Freiheit zu kündigen und für andere Kapitalist*innen zu arbeiten. Die ökonomischen Verhältnisse werden aber durch die so „neutral“ wirkende Warenform nicht nur verschleiert, sondern sie werden naturalisiert: Waren und Wert stellen sich als natürliche Kategorien dar, obgleich sie einem gelebtem, sozialen Prozess entspringen. Insofern ist die Ware ein Fetisch: sie ist eine vom Menschen selbst geschaffene Sache, der der Mensch natürliche Eigenschaften zuschreibt, denen er sich unterwirft.[5]

Dieses Fetischs sind wir uns selten bewusst und wir naturalisieren nicht nur die Verhältnisse, sondern auch dementsprechende Verhaltensweisen. Auch wenn man oft nicht so weit geht wie Hobbes, erklärt man den Mensch regelmäßig als fundamental egoistisch. Die Menschen seien zu egoistisch heutzutage, wollten nur konsumieren. Die Konsumgesellschaft wird immer wieder heraufbeschworen, und man übersieht dabei, dass in der Politik sofort die Alarmglocken läuten, wenn der Konsum runter geht und somit auch das Wirtschaftswachstum. „Der Mensch ist nunmal egoistisch und deswegen ist der Kapitalismus das dem Menschen entsprechende System“ ist ein Argument, was man nicht nur von Wirtschaftsliberalen hört. Es ist, als würde man im Feudalismus argumentieren, dass der Feudalismus eben das dem Menschen entsprechende ökonomische System wäre, weil manche Menschen von Natur aus „dafür gemacht wären“ sich anderen unterzuordnen und andere dafür, zu bestimmen (Thomas von Aquin wäre entzückt).
Was Marx vor allem mit seiner Analyse des Fetischcharakters der Ware (und des Geldes etc.) aussagt, ist: Der Kapitalismus ist nur eine unter vielen Gesellschaftsformen, die sich historisch entwickelt hat und die der Gesellschaft eine gewisse Grundstruktur vorgeben (und sie nicht vollkommen determinieren[6]), aber sie ist weder natürlich noch per definitionem unendlich, aber weil die Verhältnisse in diesem System stärker verschleiert sind als in anderen Gesellschaftsformen ist dies schwieriger zu durchschauen[7]. Marx zeigt uns damit auch die Möglichkeit eines potenziellen Auswegs.

Der Fetischcharakter der Pandemie

Genauso wie die kapitalistische Gesellschaft ist die Pandemie nicht so natürlich wie wir denken. Viren kommen in der Welt vor wie andere natürliche beziehungsweise biologische Phänomene, aber damit wir uns in einer Situation befinden wie in der heutigen - dafür braucht es mehr als „nur“ ein potentiell tödliches Virus, sondern auch einen globalisierten Kapitalismus. Marx beschreibt im Manifest der kommunistischen Partei sehr treffend, wie Globalisierung und Kapitalismus Hand in Hand gehen und man sie deswegen nicht getrennt voneinander betrachten kann.

In kapitalistischen Gesellschaften unterliegen viele oder alle Bereiche einer Privatisierungs- und Verwertungslogik. In jedem Bereich des Lebens steckt das Potential von Mehrwert: Krankenhäuser, Krankenversicherungen, Studienplätze, öffentliche Verkehrsmittel, Daten, Liebe. Und statt die Gesundheit zu befördern, sich bilden oder fortbewegen zu können oder sich zu verlieben, geht es aus einer kapitalistischen Logik hier einzig und alleine darum, diesen Mehrwert abzuschöpfen. Auch wenn staatliche Institutionen, zivile Organisationen und oft der gesunde Menschenverstand sich dagegen sträuben, kann man sehen, dass der Verwertungstrend in den letzten Jahrzehnten Überhand genommen hat. Wenn ein Krankenhaus nicht das Ziel einer angemessenen Gesundheitsversorgung verfolgt, sondern Profit abwerfen soll, wird an kostenintensiven Stellen gespart. Das führt dazu, dass Pflegepersonal und Intensivbetten wegrationalisiert werden (was das für eine Rationalität sein soll, hat sich mir noch nicht erschlossen). Man kann von Glück sprechen, dass Deutschland (noch) einen relativ starken Sozialstaat hat und Vorschläge wie der der Bertelsmann Stiftung, jede zweite Klinik zu schließen[8], nicht befolgt wurden. In anderen Ländern fiel das Fazit deutlich dramatischer aus: es mussten Krankenhäuser und Beatmungsgeräte aus dem Boden gestampft werden. Doch auch in Deutschland hat man das Geld lieber gespart, das man in vorsorgliche Investitionen für einen Pandemie-Fall hätte investieren können (wie z.B. Masken auf Vorrat zu speichern). Was nicht rentabel ist, wird nicht gemacht.

Des Weiteren ist die Verbreitung des Virus auch dadurch gestärkt, dass der Wachstumszwang kapitalistischer Gesellschaften Menschen zwingt, trotz typischer Symptome arbeiten zu gehen, um am Ende des Monats noch über die Runden zu kommen oder ihre Kinder ernähren zu können. Eine Lockerung nach der anderen „muss“ kommen, damit die Wirtschaft nicht zusammenbricht. Dass ein Virus sich unter solchen Bedingungen deutlich besser verbreiten kann, ist offensichtlich - Christian Drosten hat besseres zu tun, als uns das noch einmal zu erklären.

Klasse

Die Verwertungslogik bringt Veränderungen in der Gesellschaft mit sich, die nicht alle in gleichem Maße trifft. Was - vor allem in Deutschland - einen ehrlichen Diskurs über strukturelle Benachteiligung hemmt, ist das Verhältnis zum Konzept Klasse. Während sich nicht einmal Margaret Thatcher gescheut hat, von der „working class“ zu reden, wird heutzutage in Deutschland, sobald man diesen Begriff anwendet, direkt eingeschoben, ob dieser denn noch zeitgemäß sei - es gäbe ja schließlich keine Klassen mehr, der Begriff sei übertrieben oder überholt. In unserer Verlegenheit, über Klassen und vor allem benachteiligte Klassen nicht zu reden, schaffen wir immer wieder neue Ausweichbegriffe - die Systemrelevanten, die Vulnerablen, die am meisten Betroffenen. Diese Begriffe verschleiern aber eben die strukturelle Benachteiligung. Natürlich gibt es gesundheitlich bedingte Risikogruppen, aber Gesundheit und Krankheit betrifft eben nicht alle gleich (Armut macht krank und Krankheit macht arm - wie Gerhard Trabert schon richtig sagt). Das Klatschen hat strukturell nichts verändert an den Lebensbedingungen der sogenannten Systemrelevanten. Die Berufskraftfahrerin hat nicht weniger Stress mit den Lieferzeiten, der Kassierer ist nicht besser bezahlt, die Familie in der Geflüchtetenunterkunft hat nicht aus dem Nichts Geld für Masken. Die sprachliche Umgehung von Klassen wird umso eindeutiger, wenn andere Benachteiligungen klarer genannt werden, siehe Sexismus und Rassismus, wobei diese Diskriminierungen natürlich nicht eindimensional verstanden werden sollten[9].

Die Blindheit für soziale Ungerechtigkeit in Deutschland wird umso sichtbarer, wenn man ins Nachbarland Frankreich schaut. Die sozialen Ungleichheiten sind nicht weniger präsent, aber die Debatte ist doch eine ganz andere. Während sich Deutsche darüber echauffieren, dass Rückkehrer*innen aus dem Urlaub einen Test bezahlt bekommen und es für gerecht halten, dass Hartz-IV-Empfänger*innen (die einzige Gruppe, deren Corona-Kinderzuschlag von ihren sonstigen Leistungen abgezogen wird) gleich viel für einen Coronatest zahlen müssen, wie Milliardär*innen, setzen die französischen Debatten an ganz anderen Punkten an: die Regierung wird kritisiert, wenn sie den Schüler*innen keine Masken zur Verfügung stellt, weil strukturell Benachteiligte mit hoher Wahrscheinlichkeit gleiche Masken mehrmals benutzen müssen bzw. sich keine leisten können. Es wird als selbstverständlich wahrgenommen, dass die Tests vom Staat übernommen werden.

Man muss nicht Das Kapital im 21. Jahrhundert gelesen haben, um zu wissen, dass unsere Gesellschaft auf Ungleichheiten zusteuert, die wir zuletzt im 19. Jahrhundert kannten. Diese Epoche, in der Marx schrieb, wird oft als längst überholt angesehen. Wenn wir uns aber die Vermögensverhältnisse anschauen[10], sehen wir, dass wir nicht weiter entfernt sein könnten, von dieser homogenen Mittelschichtsgesellschaft, die sich uns in jeder Käse- und Baumarktwerbung aufdrängt. Es gibt Klassen, wir leben in einer Klassengesellschaft - reden wir darüber!

Klimakrise und Ausblick

Genau wie das Virus, ist auch der Klimawandel ein Problem der Menschheit, das man nicht getrennt von der Gesellschaft, ihrer Organisation und ihrer Produktionsweise betrachten kann. So sind es beides Probleme, die vor keiner Grenze halt machen und nur mit globalen zielorientierten Strategien überwindbar sind. Zu schnell wurde während des ersten Lockdowns betont, dass „die Natur wieder zu sich finden würde“. Zu wenig wurde beachtet, wie wenig Emissionen tatsächlich eingespart wurden, trotz radikalem Einschnitt in die Wirtschaftsleistung. Weder das Virus noch der Klimawandel können besprochen werden, ohne die Wirtschaft dafür betrachten zu müssen. Aber anstatt zu überlegen, ob es sich lohnt, ein Wirtschaftssystem zu erhalten, das zusammenbricht, wenn ein paar Wochen lang nur das wirklich Notwendige konsumiert wird, schleichen sich neoliberale Überzeugungen wieder ein: man braucht Wirtschaftswachstum, wir müssen Anreize schaffen zum Konsum.

Was uns Corona aber gezeigt hat: wir können. Wir können radikale Entscheidungen treffen, schnell zudem - wenn wir wollen. Unser aktuelles Wirtschaftssystem beruht auf der Produktion von Mehrwert, auf Kapitalakkumulation, auf Wachstumszwang. Wenn die Wirtschaft nicht wächst, haben wir ein Problem. Man muss nicht erneuerbare Energien studiert haben, um zu wissen, dass wir nur eine begrenzte Menge an Ressourcen haben und dass wir zu viel CO2 verpulvern ist auch allen klar. Den Widerspruch zwischen ewigem Wirtschaftswachstum und den natürlichen Grenzen unseres Planeten hat auch schon Karl Marx im ersten Band des Kapital beschrieben: „Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und die Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter“[11] Fälschlicherweise wird das aktuelle Zeitalter in dem wir leben „Anthropozän“ getauft, als wären die radikalen Veränderungen, die seit dem Beginn der Industrialisierung und dem Entstehen des Kapitalismus zu beobachten sind, gleichzeitig mit der Menschheit aufgetaucht. Der Mensch lebt seit ungefähr 300 000 Jahren auf diesem Planeten, seit 150 Jahren feuern wir bedingt durch unsere Produktions- und Konsummuster CO2 in einer Menge in die Atmosphäre, die unser Leben auf diesem Planeten bedroht. Wäre es nicht angemessener von Kapitalozän zu reden?

Wenn wir wählen müssen zwischen Menschenleben und Wirtschaftswachstum - sei es im Fall von Corona oder Klimawandel - sollten wir uns nicht spätestens dann trauen, radikal an unserem Wirtschaftssystem zu zweifeln?

[1] Ein Zitat von Karl Marx (zugeschrieben von Friedrich Engels), in Bezugnahme auf französische Marxisten. Aus einem Brief von Engels an Konrad Schmidt (MEW 37, 436). Während Marx zum Beispiel im Kapital nicht eine statische Kategorie sondern einen Verwertungsprozess sieht, setzt es Piketty platt mit Vermögen gleich. Marx’ Unterschied zwischen Schatzbildner und Kapitalist verschwindet bei Piketty.
[2] Zum Beispiel kritisierte Marx Pierre-Joseph Proudhon in Das Elend der Philosophie. Antwort auf Proudhons „Philosophie des Elends“. Vgl. K. Marx/F. Engels, Werke, Band 4, Berlin: Dietz Verlag, 1983.
[3] Vgl. K. Marx/F. Engels, Werke, Band 25, Berlin: Dietz Verlag, 1983, S.839.
[4] …wobei die Kapitalisten historisch gesehen in der großen Mehrheit männlich waren und auch heute noch sind.
[5] Diese Analyse befindet sich im vierten Unterkapitel „Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis“ des ersten Bandes in „Das Kapital“ (MEW 23, S.85-98). Von Michael Heinrich liegt eine empfehlenswerte Einführung in „Das Kapital“ vor (vgl. M. Heinrich, Kritik der politischen Ökonomie: eine Einführung, Stuttgart, Schmetterling Verlag, 2018.
[6] Auch wenn Bourdieu‘s Werk durchdrungen ist von der Wortfamilie rund um das Wort déterminer, darf man sich bei Bourdieu den Habitus nicht im Sinne einer einseitigen Kausalität vorstellen, sondern eher eine Grundstruktur, die mit dem Speziellen in Interaktion ist (Bourdieu würde sagen: eine strukturierte und strukturierende Struktur (structure structurante et structurée)). In gleiche Weise sollte man, meiner Meinung nach, das Marx’sche Werk auch lesen.
[7] MEW 23, S.90-93
[8] Siehe https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2019/juli/eine-bessere-versorgung-ist-nur-mit-halb-so-vielen-kliniken-moeglich
[9] Die Bedeutung von intersektionellem Denken sind vor allem durch die Arbeiten von Kimberlé Crenshaw und Angela Davis deutlich geworden.
[10] Siehe http://piketty.pse.ens.fr/en/capital21c2
[11] MEW 23, S.530