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#figh­te­ve­r­y­cri­sis: In­ter­view mit dem Or­ga­ni­sa­tor der neu­en Ring­vor­le­sung

Corona

22. Oktober 2020 10:00

Redaktion

Va­len­tin Sag­vosd­kin ist wis­sen­schaft­li­cher Mit­a­r­bei­ter am In­sti­tut für Öko­no­mie der Cu­sa­nus Hoch­schu­le für Ge­sell­schafts­ge­stal­tung und Haup­t­or­ga­ni­sa­tor der neu­en Ring­vor­le­sung. Grund ge­nug ihm ihm ein paar Fra­gen zu stel­len:

Die Fragen stellte die Redaktion des Blogs:


Das Wintersemester ist gestartet und damit auch die neue Ringvorlesung. Wie lief der Start und was erwartet uns in den kommenden Wochen?


V.S.: Der Beginn einer Vorlesungsreihe ist immer besonders spannend: Können wir Fragen aufwerfen und Themen aufgreifen, die nicht nur uns im Hochschulkontext interessieren, sondern auch gesellschaftlich auf Resonanz stoßen? Insofern war es schön zu sehen, dass wir wieder Teilnehmer*innen aus ganz unterschiedlichen Bereichen ansprechen konnten: neben Studierenden sind viele Menschen aus der Wissenschaft und der engagierten Zivilgesellschaft mit dabei und diesmal sogar einige Gäste aus Ländern wie Irak, Indien, Niederlande und Schweden. Das zeigt uns, dass Themen wie etwa die Rolle von Imaginationen und Narrativen für die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft, über die Silja Graupe als Einstieg gesprochen hat, viele Menschen umtreibt. In diesem Sinne wird es auch die nächsten Wochen weitergehen: Unsere Referent*innen werden nicht nur über die aktuellen gesellschaftlichen Krisen sprechen, sondern auch unterschiedliche Perspektiven einnehmen, welche Handlungsmöglichkeiten und Chancen sich gerade auftun.


Die Vorlesungsreihe startet mit dem Themenblock „Narrative Ökonomien und imaginierte Zukünfte“. Was dürfen wir uns darunter vorstellen und ist das nicht Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm?


V.S.: Allgemein gesagt: Die Zukunft ist prinzipiell offen – und das heißt, gestaltbar. Bei den aktuellen Krisen und Endzeitszenarien ist es wichtig, sich das immer vor Augen zu halten. Welches Bild wir uns von der Zukunft machen, beeinflusst unser Handeln und damit letztlich auch, welche der möglichen Zukünfte sich tatsächlich realisieren. In den letzten Jahren gibt es immer mehr wissenschaftliche Disziplinen, die die zentrale Rolle von Imaginationen und Narrativen erforschen. Das ist nicht abstrakt und weltfremd, ganz im Gegenteil: Weltfremd waren eher einige Strömungen in der Wirtschaftswissenschaft, die den Menschen im Wesentlichen als „homo oeconomicus“ beschrieben haben, das heißt als egoistischen und rationalen Nutzenmaximierer. Dass beispielsweise die Wirtschaft nur aus Märkten mit den Prinzipien Wettbewerb und Konkurrenz besteht oder ein angeblicher „Marktmechanismus“ quasie automatisch zu einem „Gleichgewicht“ führt, ist letztlich eine Erzählung. Dieses Narrativ lässt die Vielfalt der solidarischen und gemeinwohl-orientierten Wirtschaftsformen im Dunkeln. Es ist ein Unterschied, ob Wachstum und Effizienz oder eher Gemeinsinn und Resilienz die Leitbilder unseres Wirtschaftens sind. Im Zuge der Corona-Krise haben sich weltweit kreative Praktiken gezeigt, beispielsweise haben einige Unternehmen ihre Produktion teilweise umgestellt, um Beatmungsgeräte oder Stoffmasken herzustellen. Hier, wie auch in zahlreichen anderen Initiativen, deutet sich eine andere Erzählung von Wirtschaft an. Die Wissenschaft kann solche Geschichten des Gelingens erforschen und die Frage stellen, welche Narrative und damit welche Praktiken von Wirtschaft und welche Wirtschaftspolitik heute zeitgemäß sind. Damit trägt sie ganz konkret zur Gegenwarts- und Zukunftsfähigkeit unseres Wirtschaftens bei.

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Valentin Sagvosdkin ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ökonomie der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung und Hauptorganisator der neuen Ringvorlesung. Twitter Valentin Sagvosdkin


#FightEveryCrisis ist ein Hashtag der globalen Klimabewegung. Welchen Raum nimmt die Klimakrise in dieser Ringvorlesung ein?


V.S.: Die Klimakrise ist im Grunde eine ökologische Vielfachkrise, die nicht von sozialen Fragen wie Armut und Ungleichheit zu trennen ist, weshalb die Bewegung ja auch von globaler Klimagerechtigkeit spricht. Der Slogan „Fight Every Crisis“ bringt das gut auf den Punkt: Es geht nicht nur darum, die Corona-Krise anzugehen und auch nicht allein ums Klima, sondern darum, die Vielzahl an Krisen gerade in ihren Zusammenhängen zu erkennen, das heißt, eben auch den Verlust der Artenvielfalt oder globale Gerechtigkeitsfragen zum Thema zu machen. Wie genau das in der Ringvorlesung aufgegriffen wird, ist den Referent*innen überlassen. Wir haben uns aber natürlich bemüht, Menschen mit einem breiten Spektrum an Hintergründen einzuladen, um vielfältige Perspektiven zu bekommen. Raúl Montenegro von der Environment Defence Foundation (FUNAM) in Argentinien beispielweise hat die „Umweltkrise“ (environmental crisis) explizit in den Titel seiner Vorlesung aufgenommen, bei Natasha Mwansa und Luisa Neubauer wird die Klimakrise im Mittelpunkt der Diskussion stehen; und auch bei vielen anderen Terminen, wie der zur europäische Demokratie, zu Finanzwirtschaft oder zur „imperialen versus solidarischen Lebensweise“, wird die Klimakrise sicherlich zentral sein.


Einige Termine finden in Kooperation mit der “Right Livelihood Foundation” statt, die auch den alternativen Nobelpreis vergibt. Was verbindet ein „akademisches Start-Up“ (Silja Graupe) mit einer bekannten, global vernetzten Organisation?


V.S.: Da gibt es, denke ich, viele Gemeinsamkeiten: Zum einen sicherlich das Anliegen, die ökologischen und sozialen Herausforderungen unserer Zeit anzugehen und dabei Bildung und Lernen als wesentlich zu begreifen. Die Right Livlihood Foundation vergibt ja nicht nur einfach so Preise an herausragende Persönlichkeiten, sondern vernetzt diese untereinander und hat zudem weltweit Colleges, um Wissen in die Breite zu tragen und Menschen miteinander und mit Initiativen zu vernetzen. Auch die Cusanus Hochschule will keine Wissenschaft im Elfenbeinturm, sondern begreift sich als Hochschule für Gesellschaftsgestaltung, die zu verantwortlichem Handeln befähigt und engagierte Menschen und Akteur*innen zusammenbringt. Von den Gründungsgeschichten ist interessant: Die Right Livlihood Foundation wurde 1979 von Jakob von Uexküll gegründet, nachdem die Nobelstiftung dessen Initiative ablehnte, unter anderem einen Nobelpreis für Umwelt zu vergeben. Angesicht der Dringlichkeit globaler Probleme musste also eine Alternative her. Die Cusanus Hochschule versucht seit 2005 angesichts der Dringlichkeit globaler Herausforderungen eine Wirtschaftswissenschaft voranzubringen, die lebensweltorientierter und pluraler als an den meisten anderen Hochschulen oder Universitäten in Deutschland ist und die Themen wie Nachhaltigkeit und Transformation ins Zentrum rückt.

Nicht zuletzt arbeitet ein Alumnus von uns, Alexander Repenning, als Education Manager bei der Right Livlihood Foundation, wodurch die Kooperationen zustande kamen.


Blick hinter die Kulissen: Wie lief der Programmprozess? War es schwierig die vielen internationalen Persönlichkeiten zu erreichen und für diese Vorlesung zu gewinnen?


V.S.: Es wurde zuerst ein Konzept erarbeitet, wobei Studierende mit involviert waren. Ihnen war beispielsweise wichtig, dass Themen wie globale Armut und Ungleichheit mit aufgegriffen werden. Vorschläge für Referent*innen kamen dann aus der gesamten Mitarbeiter*innenschaft der Hochschule. Die Kontaktaufnahme ging in vielen Fällen recht zügig, da die Hochschule inzwischen gut mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen vernetzt ist. Sehr Hilfreich war natürlich auch die Right Livlihood Foundation als Kooperationspartner. Schwieriger war es, Persönlichkeiten anzusprechen, wo vorher noch kein Kontakt bestanden hatte und die die Hochschule noch nicht kannten. Da mussten wir teilweise sehr hinterher sein – beispielsweise war es herausfordernd, jemanden aus dem Black-Lives-Matters-Spektrum aus den USA für die Ringvorlesung zu gewinnen. Inzwischen sind wir in Kontakt und hoffen auf eine finale Zusage.


Neben Vertreter*innen aus der Wissenschaft sind auch politische Aktivist*innen wie Natasha Wang Mwansa und Luisa Neubauer Teil der Ringvorlesung. Wie politisch darf Wirtschaftswissenschaft sein und welche Erkenntnisse versprichst du dir von diesen Vorlesungen?


V.S.: Zunächst will ich kurz hervorheben, dass Klimaaktivist*innen sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützen und mit der Einhaltung des 1,5 Grad-Ziels nur das einfordern, was demokratisch gewählte Regierungen beschlossen haben. Nicht selten werden Wissenschaftler*innen als Aktivist*innen bezeichnet, um ihnen die Glaubwürdigkeit zu nehmen. Die Antwort auf die Frage, wie politisch Wirtschaftswissenschaft sein darf, hängt davon ab, was wir als „politisch“ verstehen und welche Aufgabe wir als Gesellschaft der Wissenschaft zusprechen. Ist es politisch, auf die möglichen Folgen der Nichteinhaltung der 1,5 Grad-Grenze mittels wissenschaftlicher Methoden hinzuweisen? Ja, offenbar – und doch ist genau das eine der Aufgaben von Wissenschaft. Ein Teil des wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams hat das Selbstverständnis, „wertneutral“ und naturwissenschaftlich „objektiv“ zu sein. Doch was überhaupt zum Gegenstand von Forschung gemacht und wie geforscht wird, sind Entscheidungen, in die immer auch explizit oder implizit Werteentscheidungen einfließen. Und wo Menschen involviert sind, sollten nicht nur mathematische, sondern müssen vor allem sozialwissenschaftlich verstehende Methoden zum Zug kommen. Im Sinne der Idee einer „transformativen Wissenschaft“, brauchen wir Lehre und wissenschaftliche Forschung, die im Dialog mit gesellschaftlichen Akteur*innen Ziele wie Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit voranbringen. Lars Hochmann von den Economists for Future bringt es gut auf den Punkt: Wissenschaft hat nicht die Aufgabe vorzuschreiben, wie wir zukünftig leben sollen – sie kann aber Möglichkeiten aufzeigen, begründen und rechtfertigen. Ich denke, es ist dann Aufgabe einer lebendigen Demokratie und einer verantwortungsvollen Politik, etwas aus den Erkenntnissen der Wissenschaft zu machen.

Ich glaube, Persönlichkeiten wie Natasha Wang Mwansa und Luisa Neubauer können unsere Ringvorlesung in vielerlei Hinsicht bereichern: Sie haben sich nicht nur durch Studium oder Engagement in Themen wie internationale Klimapolitik oder Frauenrechte intensiv vertieft, sondern bringen auch spannende Erfahrungen durch ihre aktivistische Arbeit mit. Sie haben mit internationalen politischen Entscheidungsträger*innen diskutiert, mit renommierten Klimaforscher*innen gesprochen und nicht zuletzt in ihren jeweiligen Kontexten soziale Bewegungen mit aufgebaut.


Wenn ich den Start verpasst habe: Kann ich noch einsteigen und gibt es eine Dokumentation der Vorlesungen?


V.S.: Ja, die Anmeldung ist laufend auf der Webseite der Hochschule möglich. Wer sich die Vorträge im Nachhinein anschauen will, kann das über unseren YouTube-Kanal. Wer jedoch den Diskussionsteil im zweiten Teil der Vorlesung mitbekommen will oder selber mit Referent*innen sprechen möchte, dem sei ans Herz gelegt, donnerstags ab 14.15 Uhr live dazu zu kommen.