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Die Co­ro­na­-­Kri­se – ei­ne zoo­lo­gi­sche Her­aus­for­de­rung?

27. November 2020 12:00

Anne Ritter_Portrait (002).jpg Anne Ritter

Auswirkungen der Individualisierung auf den einzelnen Menschen und die Gesellschaft in Zeiten der Corona-Pandemie

Im Rahmen der Ringvorlesung „Die Politische Ökonomie der Corona-Krise“ hat es die Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung externen Studierenden ermöglicht, Prüfungen in Essayform abzulegen. Eine Auswahl der besten Arbeiten veröffentlichen wir über einen Monat hinweg nach Absprache und einem Redaktionsprozess mit den Autor*innen auf unserem hochschuleigenen Corona-Blog. Der nun folgende vierte und letzte Beitrag zu der Reihe stammt von Anne Ritte, die einen zoologischen Blick auf die Coronakrise unternimmt.

Anne Ritter studiert im ersten Semester Ökonomie-Nachhaltigkeit-Gesellschaftsgestaltung an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung in Bernkastel-Kues und beschäftigt sich momentan mit der Sozialität. Sie ist der Ansicht, dass diese Präsenz benötigt und sucht deshalb nach kreativen Lösungen während des Lockdowns. Für die Zeit nach der Coronakrise hat sie sich vorgenommen ihre liebsten Menschen zu besuchen und sich von diesen besuchen zu lassen.

Tiermetaphorische Betrachtungen der Corona-Krise – eine Einleitung

Die Corona-Krise ist offensichtlich ein großes graues Nilpferd[i]. Das heißt, es war nur eine Frage der Zeit, bis ein solches Ereignis das fragile Gleichgewicht des gefüllten Beckens, (unsere Welt) mit einem eleganten Plumps zum Überlaufen bringt und alles drumherum überflutet. Nun, weil es, groß und grau, wie es ist, eigentlich unübersehbar direkt vor unserer Nase gestanden hat, fragen sich aufmerksame Leser*innen an dieser Stelle sicher: Wieso hat sich niemand vorher um das Tier gekümmert? Nach einer kurzen Pause mit nach links geneigtem Kopf und Blick nach oben, gehen diese Lesenden dann ihrer Tätigkeit nach, die restlichen Socken zu sortieren.

Vermutlich ist die Antwort auf die Frage, dass da, in unserem zugegeben beschränkten Blickfeld, eine ganze Herde an großen unübersehbaren Tieren steht. Zum Beispiel sehe ich da einen Elefanten namens Klimawandel, einen Büffel für den Biodiversitätsverlust oder einen Haufen Antilopen und Gazellen, die soziale Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen verkörpern etc. Und die grasen so vor sich hin oder wiegen sich träge in der Sonne und warten. Klar fällt es einem da schwer, sich einen Überblick zu verschaffen. Wir sind ja auch alle keine Zoologen*innen und wissen gar nicht recht wo vorne und hinten ist. Und wir haben ja auch das Alltagsgeschäft zu bewältigen. Klar, dass da keine Zeit mehr bleibt, sich mit solchen Themen zusätzlich zu beschäftigen. Hinzu kommt, dass wir hier in Westeuropa heutzutage vermehrt eine freie Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten in sämtlichen Fragen der Lebensführung haben. Selbstredend ist es da zuerst einmal wichtig, zu definieren, welche politische Einstellung ich habe, was meine Ernährungsweise ist, welcher Religion ich angehöre oder welches Geschlecht ich bin; ungeachtet der Tierherde an (künftigen) Entwicklungen, die da ja sowieso immer steht und Teil der Landschaft geworden zu sein scheint.

Entwicklungen wie diese Entscheidungsvielfalt und -freiheit sind Teil eines gesellschaftlichen Veränderungsprozesses des Individuums von der Fremd- zur Selbstbestimmung – der Individualisierung. Aus heutiger Sicht ist diese maßgeblich ab den 1960er durch Wohlstandssteigerung, die Verkürzung der Arbeitszeit sowie eine Steigerung des Bildungsniveaus hervorgerufen worden[ii]. Im folgenden Essay werde ich die Charakteristika dieses Prozesses nennen und diese auf die zu beobachtenden Auswirkungen der Corona-Krise zwischen Frühjahr (erste Hochphase der Infektionen in Deutschland) und Spätsommer 2020 beziehen und mit einem kurzen Zwischenfazit pro Absatz abrunden. Dabei stellt sich mir die Frage, ob in Anbetracht der Entwicklungen durch Covid-19 die Individualisierung noch zeitgemäß ist, es jemals war oder sie eigentlich von einer anderen Grundstruktur abgelöst werden sollte. Noch wichtig: Ich schreibe diese Arbeit als eine weiblich-gelesene, von einer finanziell abgesicherten Familie stammenden Person, die das Geschehen aus einem weiß-europäischen Blickwinkel beobachtet. Aufgrund dessen habe ich sicherlich ein verzerrtes Bild auf die Situation. Jedoch bin ich bemüht, in diesem Bewusstsein an entsprechenden Stellen meine Positionierung und Perspektive zu reflektieren. Meine Beobachtungen beziehen sich hauptsächlich auf Deutschland.

Optionserweiterung

Was die Individualisierung für den einzelnen Menschen wahrscheinlich so reizvoll macht, ist die Optionserweiterung einhergehend mit einer freieren Wahlmöglichkeit von erweiterten Anrechten und neuen Angeboten. In den letzten Jahren ist ein Trend zu beobachten gewesen, demnach das Individuum diese Optionen gegenüber Ligaturen bevorzugt. Unter Ligaturen versteht man sinnstiftende Bindungen an kulturellen Werte und sozialen Gemeinschaften.[iii] Diese Tendenz hat viele Vorteile für das Individuum, sie kann aber auch zu einer gewissen Orientierungslosigkeit führen. Denn wer frei ist und keinen Anhaltspunkt hat, könne sich leicht verirren, schreibt der deutsche Soziologe Ulrich Beck[iv] in seinem Standardwerk. Während des Corona Lockdowns im Frühjahr 2020 nun wird die Wichtigkeit sozialer Bindungen deutlich. Ich denke, dass einerseits der Wunsch nach Halt größer wird, weil in dieser Zeit vieles durch große Unsicherheit bestimmt wird und schlichtweg niemand weiß, wie es weiter geht. Andererseits bin ich der Meinung, dass Menschen auf (physischen) Kontakt zu anderen angewiesen sind. Wer in der ersten Hochphase der Covid-19 Erkrankungen allein wohnte, hatte eine herausfordernde Zeit. Wobei auch wichtig zu erwähnen ist, dass viele Menschen, die auf engem Raum zusammenlebten, sicherlich das andere nicht minder unangenehme Extrem erfuhren. Dennoch kann an dieser Stelle festgehalten werden, dass eine Umorientierung zu den Menschen in der nahen Umgebung oder zur eigenen Familie oder Freund*innen stattfand. Nicht zuletzt, weil der gewohnte (Erwerbsarbeits-)Alltag für einen Großteil der Gesellschaft (ausgenommen Pflegepersonal, Lebensmittelverkäufer*innen etc.) in den Privatraum verlagert wurde oder durch fehlende Freizeitoptionen schlicht mehr Zeit da war. Meine Beobachtung ist also, dass gerade durch diese erzwungene (Arbeits-)Pause Menschen sehen konnten, wie weit sie sich von ihren einst nahen Mitmenschen entfernt haben. So war das jedenfalls bei mir. Ich halte also fest: Während Corona steigt die Wichtigkeit von Ligaturen und die Entscheidung des Individuums fällt zugunsten diesen aus. Gleichzeitig müssen Spannungen im Miteinander und in einem Selbst ausgehalten werden.

Entscheidungsvielfalt

Zu der Optionserweiterung kommt die Entscheidungsvielfalt. Wie schon in der Einleitung genannt, ist der Mensch im Zuge der Individualisierung aus engen Sollen- und Wollens-Vorgaben freigesetzt. Leben, Tod, Geschlecht, Identität, sexuelle Orientierung, Religion, soziale Bindungen – alles wird quasi bis in das kleinste Detail entscheidbar. Dadurch entsteht große Freiheit für die Einzelperson. Gleichzeitig herrscht ein Entscheidungszwang. Jede*r muss sich entscheiden. Und darüber steht groß und unheilvoll die Gewissheit ‚alles könnte auch anders gemacht werden‘. Nicht zuletzt Massenmedien versorgen uns tagtäglich mit Tipps und Tricks, Ratschlägen und Alternativangeboten, wie unser Leben anders geführt werden könnte. Tendenz steigend.[v] In Anbetracht der zahlreichen Nachrichten von und über Covid-19 gewinnen gesundheitliche Fragen im letzten halben Jahr an Popularität. Dabei gehe ich stark davon aus, dass wir alle für uns und unseren Körper sorgen wollen. Jedoch ist es einerseits ein Privileg geworden, denn nicht jede*r kann es sich leisten, sich darüber Gedanken zu machen und entscheidende Punkte diesbezüglich in seinem* ihrem Leben zu ändern. Nicht zuletzt, weil Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel oder eine ausgewogene Ernährung teuer sind.[vi] Andererseits scheint es, als ob man aufgrund all dieser Möglichkeiten gar nicht mehr wissen (kann), was das Beste für einen ist. Es entsteht ein Sammelsurium an Herangehensweisen. Die enorme Entscheidungsvielfalt mag so gesehen in zweifacher Weise in Empörungen münden oder aber die Flucht in Verschwörungsmythen bewirken, wie wir sie etwa im Zusammenhang mit den Hygienedemos beobachten konnten. Zum einen wird der abrupte Eingriff in die individuellen Möglichkeiten der Bewegung, des Konsums, der Begegnung als Bedrohung wahrgenommen. Wenn man sich einmal an etwas gewöhnt hat, fällt es einem schwer, dass wieder loszulassen[vii] . Des Weiteren mag die durch die Entscheidungsvielfalt entstandene, mitunter chaotische Komplexität auch dem Phänomen Vorschub leisten, dass vermeintlich einfache Erklärungen und Mythen gefolgert wird, weil sie Halt und Orientierung geben. Ein kleines Fazit hier: Corona legt ein vormals eher unhinterfragte Spektrum an Entscheidungsmöglichkeiten und daraus resultierende Gewohnheiten offen und zeigt deren Relevanz für den Menschen.

Selbstverantwortung

Individualisierung führt außerdem zu einer höheren Selbstverantwortung für den*die Einzelne*n, denn es bleibt der bittere Beigeschmack, dass man es besser hätte machen und aufgrund einer anderen Wahl gesünder, erfolgreicher oder schöner hätte sein können. Das wiederum wird am deutlichsten sichtbar am eigenen Scheitern. Es trifft einen tiefer, wenn man ganz offensichtlich selbst die Entscheidung getroffen hat und sie nicht beispielsweise auf Gepflogenheiten des Milieus schieben kann.[viii] Und das wiederum führt zur unterschiedlich starken Belastung oder Stress für die einzelne Person, was ein zentraler Faktor für Depressionen, eine der weitverbreitetsten psychischen Krankheiten in Deutschland, ist[ix]. Doch wer hätte wissen können, dass der Job, der vor längerer Zeit gewählt worden ist, nun aufgrund der Folgen der Pandemie, nicht mehr existiert, unpraktikabel oder unrentabel geworden ist? Niemandem kann da per se die Schuld zugewiesen werden, vor allem nicht dem Individuum. Auch wenn die Entwicklungen in der Individualisierung Selbstzweifel, Selbstkritik oder gar Selbsthass schüren, das Individuum trägt immer nur einen Teil der Verantwortung über das eigene Leben. So ist der Mensch auch in Umstände gestellt, auf diese er nur bedingt oder manchmal gar keinen Einfluss nehmen kann. Als Folge der Corona-Krise und der damit noch nicht einschätzbaren wirtschaftlichen Veränderungen (beispielsweise in Bezug auf Kleinunternehmen, Freischaffenden und Selbständige), zeigt sich vermehrt die schon vorher dagewesene und nun verstärkte soziale Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft. Meine These: Die Anzahl an einkommensschwachen Familien und Personen wird zunehmen.

Einzelkämpfer*innen

Schärfere Konkurrenz in Bildung und Beruf fördert die Entstehung von Einzelkämpfer*innen, die solange wie möglich findig und flexibel sein müssen[x]. Jeder denkt an sich nur ich denk an mich, habe ich mal auf einer Postkarte gelesen. Schon früh in der Schule wurde uns beigebracht, dass wir besser sein müssen als die anderen. Bei mir hat das dazu geführt, dass ich ungern andere an meinem Wissen teilhaben ließ. Während der ersten Coronawelle war wiederum viel Solidarität zu beobachten. Schnell aus dem Boden gestampfte Nachbarschaftshilfsplattformen, wie zum Beispiel corona-nachbarschaftshilfe.de, oder die Anerkennung von beispielsweise Pflegeberufen als systemrelevant, zeigen mir, dass Menschen durchaus fähig sind, aufeinander zu achten und dass uns das Wohl der anderen wichtig ist bzw. sein kann. Leider ist dieses Ansehen, dieser notwendigen Berufe heute wieder fast vollständig aus unserem Blickfeld verschwunden, denn nur wenige Berichte in Zeitung, Fernsehen und Radio handeln noch von ihnen. Das wiederrum zeigt mir die Kurzfristigkeit und Unbeständigkeit unserer Aufmerksamkeit. Ein Fazit ist dennoch: Die Corona-Pandemie zeigt, dass dem Menschen das Wohl seines Mitmenschen wichtig sein kann.

Gruppe der ‚Überflüssigen‘[xi]

Menschen, die es nicht schaffen, flexibel genug zu sein, um sich ständig an die neuen, sich wandelnden Bedingungen anzupassen, laufen der Gefahr, abgehängt zu werden[xii]. Das war schon vor dieser Krise der Fall. Ganz nach dem Motto life happens weather you make it or not (Unkle Iroh) ertrinken diese Menschen quasi chancenlos im zu schnellen Fluss der Zeit und darüber hinaus können ihre Kinder ebenfalls davon betroffen sein. Das zeigt zum einen, dass von einer Chancengleichheit, also einer Abdeckung der Grundbedürfnisse und gleichen Chancen für Aufstieg, noch keine Rede sein kann. Andererseits warnen Kritiker*innen vor der Entstehung einer ganzen Gesellschaftsgruppe der ‚Überflüssigen‘, die sich hauptsächlich aus Langzeitarbeitslosen zusammensetzt[xiii]. Durch die Corona-Krise könnte diese Gruppe nun Zuwachs bekommen. Folgen davon bringen wie ein Domino-Effekt mehrere Bereiche ins Rollen. Für Menschen, die schon vor der Krise Probleme mit der Finanzierung ihres Lebens hatten, kippt nicht selten das instabile Gleichgewicht. Aufgrund von fehlendem (monetärem) Puffer sehen sich Betroffene existenziellen Fragen gegenübergestellt. Die darauffolgenden psychischen Belastungen können die eigenen Fähigkeiten, mit Krisensituationen umzugehen, ebenfalls ins Kippen bringen und im äußersten Fall in einer Negativspirale münden. Das zeigt, dass eine Krise wie die Corona-Krise die Ärmsten des Systems am härtesten trifft. Darüber hinaus wird die Wichtigkeit deutlich, diese von vornherein zu schützen, beziehungsweise überhaupt der Entstehung einer solchen Gesellschaftsgruppe vorzubeugen.

Schlussfolgerungen

Aus den Betrachtungen der Individualisierung und ihren Auswirkungen während der Corona-Krise fasse ich also zusammen: Dadurch, dass wir so zusammen bzw. aneinander vorbei leben, wie wir es vor Covid-19 taten, ist die Krise auf diese Weise verlaufen, wie sie verlaufen ist. Sie zeigt Missstände in unserer Gesellschaft auf. Sie zeigt eine tiefe Angst vor Verlust. Sie zeigt aber auch, dass wir auf andere angewiesen sind, dass wir andere achten und uns auf andere verlassen können. Sie zeigt, dass wir alle große Last, große (Selbst-)Verantwortung auf den Schultern tragen.

Um nun die Einstiegsmetapher wieder aufzugreifen: Diese Tierherde an Entwicklungen und Herausforderungen gibt es wirklich. Das Nilpferd, aka das Corona-Virus, hat sich daraus Anfang des Jahres lautstark bemerkbar gemacht und zu einer Pandemie geführt. Da ist es meiner Meinung nach logisch, dass es uns gebührt, diese Tiermetaphern ihren Bedürfnissen nach zu versorgen. Unsere Vorgänger*innen haben sie eher gemästet, sie trotz ihres zuletzt schnellen Wachstums klein geredet, ihnen wenig Platz eingeräumt, sie weggesperrt. Übrigens genauso wie mit den Tierschützerkolleg*innen vom Club aus Rome oder ähnlichen. Doch mittlerweile ist ausreichend Wissen über sie zusammengetragen worden, um ein für alle verträgliches Miteinander zu ermöglichen. Es ist wohl eher eine Frage des (politischen) Wollens. Und diesen Willen kann, auch dank einer Individualisierung, jede*r für sich ganz bewusst entwickeln und artikulieren. Wir können uns dazu entscheiden, Tierpfleger*innen zu werden. Durch den gemeinsamen Austausch darüber können wir uns dann auf Ziele einigen, bei ihnen bleiben und anschließend entsprechende Aktionen zum Erreichen dieser in die Wege leiten.

Dabei bietet das Nilpferd, also das Covid-19 Virus, die Chance, zu sehen an welchen Ecken und Enden unser System Schwachstellen, Lücken oder Fehler hat. Es hat die Möglichkeit geboten, einmal innezuhalten und zurückzublicken. Was ist eigentlich in den letzten 30 Jahren oder mehr passiert? Wie haben sich damals getroffene Entscheidungen entwickelt? Sind die Ergebnisse dieser Entscheidungen zufriedenstellend? War die Richtung, die wir damals eingeschlagen haben, sinnvoll? Sie bietet also die Chance anzupassen, zu transformieren und neue Schritte in die Wege zu leiten, wenn das gewollt ist. Und das obliegt uns – die jetzt gerade hier leben.

Kommen wir also weg von dieser Einzelkämpfer*innen-Mentalität und der Ellenbogengesellschaft und reden wir miteinander. Finden wir heraus, was eine gemeinsame Orientierung ist, die dann die Grundlage für unser politisches Handeln sein kann. Wie schon Hannah Arendt[xiv]sagte: „Durch das Gespräch erst entsteht die Welt als das uns Gemeinsame.“ Ich bin der Ansicht, dass die Individualisierung in die Jahre gekommen und es an der Zeit ist, diese Art des Lebens etwas zu modifizieren. Nutzen wir die Individualisierung also eher als Erfahrungswert, denn sie hat uns gelehrt, was wir gerne machen, womit wir Schwierigkeiten haben und was uns wichtig ist. Doch in Anbetracht der Tierherde ist gemeinsames Handeln gefragt: in Gruppen, Gemeinschaften, aber auch als Weltgesellschaft. Dazu passt, was Gandhi sagte: „Eine Gesellschaft ist nur so stark, wie die Beziehungen der einzelnen Personengruppen untereinander.“ Gemeinsam können wir viel tun, diese Beziehungen bewusst zu leben und zu stärken.


Quellen:

[i] In Anlehnung an Michele Wuckers Metapher des Gray Rhino.
[ii] Vgl. Schimank, Uwe (2012): Individualisierung der Lebensführung. Online verfügbar unter https://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/137995/individualisierung-der-lebensfuehrung?p=0, zuletzt geprüft am 30.09.2020.
[iii] Ebd.
[iv] Vgl. Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Edition Suhrkamp).
[v] Vgl. Schimank, Uwe (2012): Individualisierung der Lebensführung. Online verfügbar unter https://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/137995/individualisierung-der-lebensfuehrung?p=0, zuletzt geprüft am 30.09.2020.
[vi] Vgl. Lohfert, Christoph (2010): Weil du arm bist, musst du früher sterben. Der ohnmächtige Patient. München: Piper. These 2.
[vii] Vgl. Müller, Kai (2020): Rückgeblickt. Maja Göpel: Unsere Welt neu und nachhaltig denken, 09.09.2020. Online verfügbar unter https://www.youtube.com/watch?v=PJJgMYAhMxQ, zuletzt geprüft am 30.09.2020.
[viii] Vgl. Schimank, Uwe (2012): Individualisierung der Lebensführung. Online verfügbar unter https://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/137995/individualisierung-der-lebensfuehrung?p=0, zuletzt geprüft am 30.09.2020.
[ix] Vgl. Stuke, Heiner; Hellweg, Rainer; Bermpohl, Felix (2012): Entstehung von Depression: Die Rolle des "brain-derived neurotrophic factor". In: Der Nervenarzt 83 (7), S. 869–877.
[x] Vgl. Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Edition Suhrkamp).
[xi] Es ist überaus problematisch, eine Gruppe als ‚überflüssig‘ zu bezeichnen, weil das Wort an sich impliziert, dass diese Gruppe keine Existenzberechtigung habe. Daraus resultierende Fragen, über den Umgang und Fortbestand einer so bezeichneten Gruppe, lässt an Zeiten des NS Regimes denken.
[xii] Vgl. Sennett, Richard (1998): Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin Verlag. S. 9–14.
[xiii] Vgl. Schimank, Uwe (2012): Individualisierung der Lebensführung. Online verfügbar unter https://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verhaeltnisse-eine-sozialkunde/137995/individualisierung-der-lebensfuehrung?p=0, zuletzt geprüft am 30.09.2020.
[xiv] Vgl. Arendt, Hannah (1960): Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten: Gedanken zu Lessing. Rede anlässlich der Verleihung des Lessingpreises 1959, 1960.